ES IST ZEIT
Gerhard Schneider
Ausstellung „ES IST ZEIT“ mit Papierschnitten zu M. Bulgakows „Meister und Magarita“ und Collagen und Zeichnungen von Gerhard Schneider
Als der Historiker Karl Schlögel im Jahr 2025 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, rückte auch sein bereits 2008 erschienenes Buch „Terror und Traum – Moskau 1937“ erneut in den Fokus der Öffentlichkeit. Zu diesem Zeitpunkt waren – und sind – die Parallelen zwischen dem Erstarken heutiger Autokratien und den politischen Entwicklungen der 1930er Jahre kaum noch zu übersehen: in ihrer Offenheit ebenso erschreckend wie beunruhigend.
Schlögel eröffnet sein Buch mit einem ebenso klugen wie wirkungsvollen Kunstgriff, indem er Passagen aus dem Schluss von Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“ aufgreift. Ausgehend von dieser literarischen Perspektive zeigt er, was er im Folgenden anhand archivalischer Quellen eindrücklich belegt: wie eine ganze Gesellschaft durch allgegenwärtigen Terror an die Grenzen physischer und seelischer Belastbarkeit getrieben wird – und wie sie sich innerhalb nur eines Jahres faktisch halbiert. Zugleich macht Schlögel verständlich, wie aus dem Erleben dieses alltäglichen, exzessiven Terrors eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts entstehen konnte.
Bulgakows Roman entfaltet seine Wirkung durch phantastische Konstruktionen, etwa die Idee, dass der Teufel höchstpersönlich mit seinem Gefolge in Moskau residiert. Groteske, teils erschreckende, zugleich von schwarzem Humor durchzogene Bilder wechseln sich mit einem zweiten Erzählstrang ab, der bis in die Antike zur Zeit von Pontius Pilatus zurückreicht. Gerade diese Vielschichtigkeit macht den Reiz des Romans bis heute aus – von den ersten Leserinnen und Lesern der 1966 nur in zensierter Form erschienenen Ausgabe bis in die Gegenwart. Auch Gerhard Schneider gehört zu diesen begeisterten Lesern. Seit er den Roman in den 1960er Jahren in einer Studentenbuchhandlung erwarb, hat er ihn nicht mehr aus der Hand gelegt. Das Buch wurde ihm zu einem Lebensbegleiter – vielleicht auch als Resonanzraum zur Reflexion seiner eigenen Biografie in der DDR. „Wenn ein Text ergreift, dann kommen auch Bilder …“, beschreibt Schneider seinen Zugang. Seine Wege zur Kunst, vor allem zur Zeichnung, sind verschlungen und wurden unter anderem durch kreative Zirkel in der DDR geprägt, während er beruflich andere Pfade einschlug.
In den Papierschnitten zu „Der Meister und Margarita“ nähert sich Gerhard Schneider dem Stoff spielerisch und zugleich mit der Präzision eines akribischen Konstrukteurs komplexer räumlicher Szenen. Seine formal-ästhetischen Entscheidungen – das Schneiden, Schichten und Kombinieren farbiger Papiere zur Erzeugung ganzer Bildräume – erinnern dabei immer wieder an die Bildsprache der russischen Avantgarde, die das 20. Jahrhundert künstlerisch entscheidend geprägt hat. So kann ein schräg gesetztes grünes und rotes Papierfeld eine Wohnung und einen Flur andeuten, in dem eine polizeiliche Durchsuchung stattfindet; das Weiß des Trägerpapiers wird zum Boden.Bereits diese Grundkonstruktionen lassen an kubistische und expressionistische Raumkonzepte denken.Mit wenigen, präzisen Schnitten und sparsamen Strichen deutet Schneider die Gesichter der Polizisten an, während Körper und Uniformen aus braunem Papier geschnitten sind. An den Wänden des dargestellten Zimmers hängen Bilder, in denen der Autor selbst die Szene betrachtet – ebenso wie seine Frau Jelena Bulgakowa, das literarische Vorbild für die Margarita des Romans. Auch sie blickt auf die aufgebrachte Schar der Polizisten im Wohnzimmer, während aus transparentem Papier geschnittene Figuren – der Teufel und sein Gefolge – den Ort bereits verlassen.
Solchen Details misst Schneider große Bedeutung bei. Sie laden jedes einzelne Blatt mit vielschichtigen Deutungsebenen auf und machen die Arbeiten ebenso anregend wie offen. So entstehen Bildserien zu Bulgakows Roman, die sowohl Kennerinnen und Kenner des Textes überzeugen als auch ein kunstinteressiertes Publikum ansprechen, das dieses Buch vielleicht noch nie in der Hand gehalten hat. Ergänzt werden sie durch Zeichnungen und Collagen, die auf Reisen oder im Dialog mit anderen literarischen Texten entstanden sind. Sie zeugen von einem liebevollen, aufmerksamen Blick des Künstlers, der mit feinem Gespür für Details vor allem als herausragender Illustrator überzeugt.
„Es ist Zeit“ – der Titel des letzten Kapitels von Bulgakows Roman – wird so zum programmatischen Motto dieser Ausstellung. Denn es ist tatsächlich an der Zeit, Gerhard Schneider in den Räumen der Galerie für gegenwärtige Kunst in der Alten Kachelofenfabrik zu zeigen.
Text: Marieken Matschenz